Wollte Nasser tatsächlich Israel vernichten?
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Nach eigener Aussage ist der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky zweimal in Palästina bzw. Israel gewesen. Er lebte 1953 für kurze Zeit in einem Kibuz und war im April 1987 für einige Tage im Land. Der Autor reiht sich somit in das Heer der Analysten und politischen Beobachter aus dem Westen ein, die von den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort nur vom Hörensagen wissen. Seine Ausführungen lassen zudem in keiner Weise auch nur ansatzweise erkennen, dass Israelis wie Araber einen völlig anderen sprachlichen und kulturellen Hintergrund haben als Chomsky selbst und die Menschen, an die sich sein Buch richtet, zu allererst nämlich die Amerikaner, dann aber auch die gesamte westliche Welt, der die orientalische Mentalität nun nicht gerade vertraut ist. Gerade einem Sprachwissenschaftler sollte ein solches Versäumnis meiner Meinung nach nicht unterlaufen.
Chomsky beurteilt und verurteilt das Verhalten der seiner Überzeugung gemäß einzig Schuldigen im Nahen Osten. Dabei vertritt er Überzeugungen und Ansichten, die keineswegs revolutionär, enthüllend oder auch nur neu sind. Mir ist von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen nicht ein einziger Gedanke in seinem Buch begegnet, den man nicht auch in den anti-israelischen Äußerungen der arabischen Seite von ca 1950 an bis heute nachlesen könnte. Im Gegensatz zu vielen Meinungen zu diesem Buch und nach Kenntnis vieler Quellen und Kommentare zum Thema kann ich nur sagen, daß Chomsky aus europäischer Sicht keine unbequemen Wahrheiten oder gar Enthüllungen bringt, sondern sich klar dem Hauptstrom der öffentlich Meinung angeschlossen hat.

Die Auswahl der von ihm angegebenen Quellen zeigen recht deutlich, daß Chomsky weder ein wissenschaftliches Vorgehen noch eine neutrale Haltung für sich in Anspruch nimmt. Er hat sich offensichtlich für die Überzeugung entschieden, daß Israel seit der Staatsgründung 1948 von durchtriebenen Verbrechern und Terroristen regiert wurde und nicht erst seit 1948 die, Chomskys Ausführungen zu folge, friedliebenden, verhandlungsbereiten Araber, bedroht, bekämpft, unterdrückt und vertreibt. Alle Fakten, die dem klar widersprechen, ignoriert Chomsky völlig, oder er bezeichnet sie kurzerhand als Lüge, ohne seine Behauptungen belegen zu können. Kommentare gleichgesinnter Analysten taugen schlecht als Faktum.

Von wenigen Ausnahnmen abgesehen, versucht Chomsky wie so viele andere, den Nahostkonflikt auf die Probleme zwischen Israelis und Palästinensern zu reduzieren. Dieser Ansatz aber wird auch durch die Anprangerung der nach Chomskys Meinung nur heuchlerischen Vermittlungsbemühungen der Amerikaner der Wirklichkeit nicht gerechter. Zum einen geht es im Nahostkonflikt um die Probleme zwischen dem westlich orientierten, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell und militärisch sehr erfolgreichen Israel und der gesamten arabischen Welt vom persischen Golf bis nach Nordwestafrika, von der die Palästinenser nur einen kleinen Teil darstellen, der zu dem von arabischer Seite bis heute verraten und verkauft worden ist. Die Bedrohung, der sich Israel ausgesetzt sieht, geht eben gerade nicht von den Palästinensern aus, sondern von dem bis heute schriftlich erklärten Vernichtungswillen der Staaten der arabischen Liga. Dass auch das Ziel der PLO, die mittlerweile auch von der EU als alleinige rechtmäßige Vertretung der Palästinenser behandelt und gesehen wird, nach wie vor in deren bis heute unveränderten Charta schriftlich fixiert, die Vernichtung Israels und die vollständigen Befreiung Palästinas ist, scheint Noam Chomsky nicht zu interessieren.
Zum anderen sollte in einer Arbeit, die dem Leser nicht eine Meinung unterschieben sondern ihn informieren und so zu einem eigenständigen Urteil auf Basis der verfügbaren Informationen befähigen will, neben dem amerikanischen Engagement auch das der ehemaligen UDSSR seinen Platz haben. Den Nahostkonflikt auf das "Dreieck" Israelis, Palästinenser und Amerika zu reduzieren, ist bestenfalls kurzsichtig zu nennen.

An den wenigen Stellen, in denen Chomsky sich zur Stellung oder zum Verhalten der übrigen arabischen Welt äußert, versucht er, Dinge als Tatsache zu verkaufen, die hochspekulativ sind. So weißt Chomsky zB darauf hin, dass gar nicht bewiesen sei, der ägyptische Präsident Nasser hätte in den Kriegen 1948, 1956 und 1967 die Absicht gehabt, Tel-Aviv anzugreifen oder gar Israel zu vernichten. Als Belege für diese Annahme, werden Kommentare aus arabischen, amerikanischen und israelischen Zeitungen angeführt, Kommentare, die leider so wenig Fakten wie Chomskys Buch enthalten, dafür aber um so deutlicher die fast schon verbissen zu nennende anti-israelische Haltung der Kommentatoren zeigt, der sich Chomsky offensichtlich schon vor langer Zeit angeschlossen hat. Nun ist gegen Spekulationen über Ziele und Beweggründe der Machthaber und Agitatoren im Nahen Osten ja prinzipiell nichts einzuwenden. Ohne derartige Überlegungen kommt eine politische Analyse schließlich gar nicht aus. Fragwürdig wird das Ganze allerdings, wenn die Ergebnisse der Überlegungen zu Ziel und Beweggrund Nassers beispielsweise, den in jedem Archiv nachzulesenden Äußerungen Nassers diametral widersprechen.

Dieses Vorgehen, mutmaßliche Absichten zu unterstellen, anhand derer dann Israels Verhalten verurteilt und jede von Chomskys Meinung abweichende Haltung in einem Maß von Zynismus und Sarkasmus disqualifiziert wird, das seines gleichen sucht, ist exemplarisch für das gesamte Buch. So gründet sich zB Chomskys "Nachweis" der alleinigen Schuld Israels an den Massakern von Sabra und Schattila auf widersprüchliche Zeugenaussagen und die feste Überzeugung, dass Israel und dort insbesondere Sharon schuld sein MUSS. Desweiteren gründet sich Chomsky vernichtende Kritik an Inhalt und Aussage des israelischen Untersuchungsausschusses, dessen Arbeit letztlich zum Rücktritt Sharons geführt hat, letztlich allein auf eine vermutete Aussage des israelischen Premiers Menachem Begin, die Chomsky zwar mehrfach anführt, die er aber an keiner Stelle belegen kann, sofern man die Meinung gleichgesinnter Kommentatoren nicht als Beleg ansieht.

Das Buch mag für Studien über anti-israelisches Agitieren seinen Wert haben. Sachlich oder neutral informiert wird der Leser in diesem Buch zum Thema Nahost allerdings definitiv nicht.
Eine Rezension von Karsten Volkmann >
vom 22. Oktober 2003
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